OVAG-Jugend-Literaturpreis: Jiniku bedeutet Leben

Mit einer ungewöhnlichen Geschichte schrieb sich Afize Syuleymann unter die Gewinner.

Es ist die meistgestellte Frage an Gewinner des Jugend-Literaturpreises der OVAG: Hat deine Geschichte etwas mit deinem Leben zu tun? Die Erfahrung zeigt: Hat es meistens. Bei Afize Syuleyman, bei der diesjährigen, der 17. Ausgabe dieses Wettbewerbs unter den 24 Preisträgern, ist das anders. „Es geht um mich und meine Mutter. Gleichzeitig schildere ich meine Mutter, die für mich eine Heldin ist, als eine Art unbekanntes Wesen. Denn es ist doch so: Wissen wir wirklich alles von anderen Menschen, selbst wenn sie uns nahestehen?“

Es ist nicht nur diese Fragestellung von philosophischer Dimension, welche die Jury bei dem Text der 16-Jährigen überzeugte. Es ist die in einfachen Worten geschilderte Beziehung einer Tochter zu ihrer Mutter, einer Mutter, die in verschiedenen Ländern gewohnt hat, aber nie mehr ihre Muttersprache spricht (welche es ist, erfahren wir nicht) seit ihre Eltern gestorben sind. Das heißt: „Es gab nur zwei Wörter, die sie jemals mit der echten Stimme sagte, mit ihrem echten Akzent, ihrer echten Sprache.“ Der Tochter hat sie einen rätselhaften Namen geben: „Jiniku. Und Jiniku bedeutet Leben“, erklärt ihr die Mutter. Es geht im Prinzip um das Leben in der Fremde, ohne dass in dem Text „Muttersprache“ jene Probleme verhandelt werden, die gemeinhin den Alltag von Migranten ausmachen. Überdies birgt diese Mutter, ein Geheimnis in sicht. „Wer weiß, in welcher Sprache sie gedacht hat.“

Die Arbeit von Afize ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. In den siebzehn Jahren seit Bestehen dieses Schreibwettbewerbs, ist sie die erste Preisträgerin, die eine Mittelschule besucht, nämlich die Solgrabenschule in Bad Nauheim. Und dann der Werdegang von Afize an sich: Geboren und aufgewachsen ist sie mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester in einem Dorf in der Nähe der bulgarischen Stadt Varna am Schwarzen Meer. Vor vier Jahren kam die Familie nach Bad Nauheim, weil in der Nähe ein Onkel von Afize wohnt. „Meine Eltern haben das für mich und meine Schwester, für unsere Zukunft getan“, sagt Afize. „Ich wollte das am Anfang überhaupt nicht. Ich habe unser Dorf und meine Freundinnen sehr vermisst. Und die neue Sprache – das war schwer für mich.“ In der Solgrabenschule habe sie zunächst eine Intensivklasse besucht, um so schnell wie möglich die neue Sprache zu lernen. „Im ersten Jahr habe ich mich ziemlich hängen lassen“, blickt sie zurück. Aber dann ist sie gewissermaßen durchgestartet, was vor allem an der Unterstützung, an der Aufmunterung ihrer Lehrer gelegen habe.

Eine von diesen, Martina Wenzel, war es auch, die sie ermunterte, ihren Text bei der OVAG einzuschicken. Es war eine Hausaufgabe für die 9. Klasse im Wahlpflichtunterricht gewesen, eine Geschichte zu schreiben. Doch dann kam Corona, der gewohnte Unterricht zunächst nicht mehr möglich. „Eines Nachts kam mir die Idee zu meinem Text“, erzählt Afize. „Ich begann um 2 Uhr zu schreiben und war am frühen Morgen fertig.“ Zunächst schrieb sie die Geschichte auf Englisch was sie recht gut beherrscht, übersetzte sie dann in ihre Muttersprache und schließlich ins Deutsche.

„Meine Mutter und meine Schwester waren erst einmal sauer auf mich, weil ich ihre Nachtruhe gestört habe“, sagt sie schmunzelnd. Sie schickte den Text an ihre Lehrerin, die ermunterte sie, wie die anderen Kursteilnehmer auch, an der Teilnahme beim Jugend-Literaturpreis. Aber nur Afize folgte dieser Empfehlung. „Ich hätte nie und nimmer gedacht, dass ich damit Erfolg haben würde.“ Umso größer die Überraschung und Freude, als sie einen Anruf von der Jury erhielt. „Meine Mutter wusste zunächst nicht, um was es ging … sie dachte ich hätte etwas in der Schule angestellt.“

In ihrer Freizeit schreibt sie also gerne Texte, zeichnet und liest leidenschaftlich, besonders Fantasy und Abenteuerromane. Da ihr Vater, gelernter Techniker, derzeit eine Arbeit sucht und ihre Mutter momentan gleich drei Jobs ausübt, möchte auch Hafize das ihre zum Familienunterhalt beitragen und hat einen Minijob in einem Lokal angenommen. „Das ist normal. Alleine, wenn ich sehe was meine Mutter für uns leistet.“ Wie gesagt: Die Mutter ist ihre Heldin. Und Afize weiß, was sie will. Abitur und dann einen Beruf, „bei dem ich anderen Menschen helfen kann.“ Und natürlich weiter Geschichten schreiben.
Zunächst aber einmal freut sich auf die Preisverleihung am 10. September im Dolce in Bad Nauheim. Und ihre Eltern, die sie begleiten, werden mindestens genauso stolz sein, wie Afize selbst …

OVAG-Jugend-Literaturpreis: Afize Syuleymann.

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