Jugend-Literaturpreis: „… ich bin schon genug Tode gestorben“

Gewinner des Jugend-Literaturpreises der OVAG lasen an der Friedrich-Magnus-Gesamtschule in Laubach.

Die Bilder von Menschen, die aus der Ukraine flüchten, könne sie sich nicht anschauen, sagte Sarah Emamzahi aus Lich. Dann komme „alles“ wieder hoch, nur wer so etwas erlebt habe, könne das verstehe. Ihr persönliches „alles“ hat sie in der Kurzgeschichte „Wie viele Tode kann ein Mensch überleben“ zu Papier gebracht. „Früher musste ich weinen, wenn ich nur daran gedacht habe. Nachdem ich die Geschichte geschrieben habe, fällt es mir einfacher darüber zu sprechen.“

Die 19-jährige hat sich im vergangenen Jahr unter die 24 Gewinner des 18. Jugend-Literaturpreises der OVAG geschrieben. Nun las sie mit zwei anderen Preisträgerinnen vor Schülern der Friedrich-Magnus-Gesamtschule in Laubach.

Sarahs Geschichte besticht und berührt aufgrund ihrer Nüchternheit, wenn sie schlimmste Dinge schildert, die Menschen widerfahren können; sie verzichtet auf jegliches Pathos, auf Larmoyanz. Als sie verboten bekommt in dem afghanischen Dorf, in dem sie geboren und aufgewachsen ist, Schule besuchen darf, weil immer wieder Kinder auf dem Schulweg verschwinden. Vor ihren Augen wird der Bruder von Taliban erschossen, weil er sich ihnen nicht anschließen will. Die Flucht in den Westen durch mehrere Todeszonen. Die Rettung aus höchster Not auf dem Mittelmeer, als ihre kleine Schwester die Mutter fragt: „Mama, werden wir hier sterben?“ Die Ankunft in Deutschland, Verwandte, die zur Rückkehr nach Afghanistan drängen. „Ich will nicht zurück. Um hierherzukommen und hier leben zu dürfen, bin ich schon genug Tode gestorben.“

Auch bei jenen, die nicht um ihre nackte Existenz bangen müssen, können die vermeintlich kleinen Dramen des Alltags einen tiefen Schatten auf ihr Leben werfen. Davon erzählt Emmelie Specht (18) aus Nidda, die dort das Gymnasium besucht. „Die Sache mit der Wahrheit“ handelt von einer Jugendlichen, die zwischen ihren getrennt lebenden Eltern steht. Wobei sich die Mutter als unzuverlässig erweist, die Erzählerin sich aber wiederum davor scheut, dem Vater davon zu berichten. Emmelie Specht wendet eine geschickte Erzählweise an. Von der Mutter wieder einmal versetzt, fährt die junge Frau zu ihrem Vater, beobachtet unterdessen Passanten und stellt sich vor, was in deren leben wohl holprig verlaufen könnte. Ihr Text endet mit einer tiefen, nüchtern präsentierten Forderung: „Menschen brauchen keinen Zucker, sie brauchen Wahrheit.“

Als dritte auf dem Podium: Svantje Rack (18) aus Biebertal im Landkreis Gießen. Ihre geschickt gebaute Geschichte „Bahnhof“ erzählt von den Erlebnissen einer Zugschaffnerin, kann man Ende auch gedeutet werden als der Übergang vom Leben in den Tod.

Das Buch Gesammelte Werke mit den Texten aller 24 Preisträger kostet 12 Euro und kann bestellt werden unter james@ovag.de (06031 6848-1274). Einsendeschluss für den 19. Jugend-Literaturpreis der OVAG ist der 15. Juli. Näheres unter matle@ovag.de (06031 6848-1222).

Lesung in Laubach
Lesung in der Friedrich-Magnus-Gesamtschule in Laubach, v.l.: Emmelie Specht, Sarah Emamzahi und Svantje Rack.

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