Ein Text über die Liebe – trotz allem und gerade deswegen.

„Tick Tack“: Marie Wäß aus Ortenberg gewann beim 20. Jugend-Literaturpreis der OVAG.

„Ich habe Angst davor, alt zu werden“, schreibt Marie Wäß. Und: „Ich habe Angst davor, allein zu sein … Gute Aussichten, oder?“ Mit „Tick Tack“ ist der Ortenbergerin ein außergewöhnlicher Text gelungen, der sich um das Altwerden und letztlich um den Tod dreht. Ungewöhnlich für eine 22-Jährige, nicht wahr? „Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich mit dem Tod zu beschäftigen?“, heißt es weiter. „Ich denke oft darüber nach, was einmal aus mir wird, wenn ich alt bin.“

Außergewöhnlich ist die Geschichte aber auch deshalb, weil sie einen wunderbaren Ton anschlägt, der zwischen Zweifeln, Missmut, Optimismus und letztlich Liebe pendelt, eingebettet in den Alltag, der sich nicht nur in Ortenberg, sondern in jeder oberhessischen Stadt so abspielt. Für ihr Werk wurde Marie Wäß in diesem Jahr von der Jury zu den 24 Gewinnern des 20. Jugend-Literaturpreises der OVAG ausgewählt.

Marie, die ihr Abitur an der Gesamtschule Konradsdorf geschrieben hat, möchte Medizin studieren. Da es vom Notendurchschnitt auf Anhieb nicht ganz geklappt hat, entschloss sie sich zunächst für eine Ausbildung zur Pflegefachfrau, sprich Krankenschwester. Nicht die schlechteste Vorbereitung für ein Medizinstudium. „In der Ausbildung erlebt man einiges, man wird natürlich auch mit dem Sterben konfrontiert. Das hat mich zum Nachdenken gebracht“, erzählt sie zur Entstehungsgeschichte von „Tick Tack“. „Außerdem ist in die Geschichte einiges aus meinen Alltagserlebnissen eingeflossen.“ Also gemeinhin ein Genre, das sich gegenwärtig großer Beliebtheit erfreut: Auto-Fiction. Soll heißen: Keine Autobiographie, sondern biographische Erlebnisse gemischt mit Gedanken, Vermutungen, Gehörtem, Erdachtem.

„Als ich meiner Mutter von der Idee erzählte, hat sie mich dazu ermutigt. Und ich sagte mir: Cool, wenn du ihn zehn Jahren dieses Buch in die Hände nimmst und liest etwas über dich und deine Familie.“ Was sagten die Eltern, als sie die Geschichte lasen? „Ihnen sind die Tränen gekommen. Weil das so ehrlich sei, mitten aus dem Leben und doch mit Humor.“

Ein weiterer Punkt, der den Text von Marie auszeichnet: Das Unabwendbare ist gewürzt mit Situationen, auch nicht so schönen Situationen, in denen es dennoch etwas zu schmunzeln, wenn nicht gar zu lachen gibt. Eine Haltung, die nicht jedem Menschen gegeben ist: Gelassenheit und eine damit einhergehende Gelassenheit („In 50 Jahren ist es bei mir ja auch so weit …“). Womit sich das Traurige, das Unabwendbare, aber womöglich besser ertragen lässt. Gewürzt mit einer Portion Eigensarkasmus oberhessischer Färbung (auch der kann ja helfen, Miseren besser zu bewältigen). Als etwa der Vater beim Abendessen sagt, wenn es bei ihm soweit sei – wie mit der Oma – hätte es die Familie leichter. „Ich brauch nur `nen Strick. Erst bist du dran, Birgit, und dann ich.“ Konter der Mutter: „Ach, du Schwätzer. Du traust dich doch eh nicht.“

Texte in ihrer Freizeit schreibt Marie Wäß, solange sie denken kann. „Schon in der fünften und sechsten Klasse habe ich wohl eine blühende Phantasie an den Tag gelegt.“ Nach einer Vorstellung des Jugend-Literaturpreises der OVAG in der Gesamtschule Konradsdorf schickte sie einen Text ein. Das war 2019. Es reichte damals jedoch noch nicht für einen Preis. „Richtig enttäuscht war ich nicht“, erinnert sie sich. „Aber ich wollte auch nicht aufgeben.“ Was sich ausgezahlt hat. Unter anderem mit der Teilnahme am viertägigen Workshop für alle Preisträger vor wenigen Wochen in Bad Kissingen. „Das war großartig, mit den Lektoren und Preisträgern Satz für Satz durchzugehen. Das hat mir sehr viel gebracht.“ Im nächsten Jahr möchte sie sich wieder bewerben. Und danach? „Autorin zu sein wäre toll … ich weiß jedoch, wie schwierig das ist.“ Aber, auch das ist eine Alternative: Später mal als Ärztin die Schreibpassion weiter- und ausleben …

Flapsig sagt die Erzählerin zur Oma, die sich erneut allein die Kellertreppe hinabgewagt hat: „Haste mal wieder Tod rausgefordert?“ Es ist nicht einfach, da beschönigt, sie nichts, mit alten Menschen umzugehen. Aber, immerhin, ist die 94-jährige Oma nicht ins Heim abgeschoben, sondern darf noch in der Großfamilie wohnen und sich nützlich machen, in dem sie, beispielsweise, die Schweinefüße salzt. Es bleibt die bittere Erkenntnis: „Du stehst jeden Tag auf, und verbringst den Tag damit, zu warten. Auf den Abend. Auf den Tod.“ Es bleiben Zweifel am Glauben. „Trotzdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht abends im Bett liege und dafür bete, dass es meiner Familie gut geht. Das meine Oma sich nicht allein fühlt.“ Deshalb: „Heute werde ich wieder für sie beten.“ „Tick Tack“ – auch ein Text der Liebe. Trotz allem und gerade deswegen.

Der Text „Tick Tack“ ist zu lesen in dem Buch „Gesammelte Werke“ das am 26. Februar 2024 erscheint und alle Gewinnertexte des Jahres 2023 enthält. Informationen zum Jugend-Literaturpreis 2024 unter

Gewinnerin beim 20. Jugendliteraturpreis der OVAG: Marie Wäß.

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