Die Sache mit der Wahrheit

Gewinnerinnen des Jugend-Literaturpreises der OVAG lasen in Alsfelder Schulen.

In der Geschichte „Skyen“ von Marie Middendorf gibt es für den Leser und Zuhörer kein Entrinnen. Er steht, läuft, hängt mittendrin im Geschehen, bangt um das Schicksal der Jugendlichen, das an einem seidenen Faden hängt, vom Zufall abhängig – als gehe es um sein eigenes Leben. „Ich rechne damit, dass gleich jemand über die Kante schauen und uns alle erschießen wird.“ Sowohl die Schüler der Albert-Schweitzer-, als auch der Max-Eyth-Schule hingen regelrecht an den Lippen der 16-Jährigen aus Rosbach im Wetteraukreis, als sie ihren Text in den beiden Schulen vortrug. Umso beeindruckter waren sie, als sie im Anschluss erfuhren, dass es sich bei der Geschichte um einer nach einer wahren Begebenheit handelt: Am 22. Juli 2011 tötete der Norweger Anders Breivik in Oslo bei einem Bombenanschlag acht Menschen und anschließend, als Polizist verkleidet, innerhalb von 75 Minuten 69 Teilnehmer eines Jugendlagers auf der Insel Utoya den Tod brachte.

Wie auf dieses Thema gekommen sei, wurde Marie Middendorf im Anschluss an ihre Lesung gefragt. Sie habe sich bei einer Urlaubsfahrt nach Norwegen in dieses Land verliebt und sei wiederholt auf den Massenmord gestoßen, welcher für das Land selbst nach einem Jahrzehnt ein Trauma bedeute. Die Täterperspektive habe sie für ihren Text weniger interessiert, viel eher wollte sie an die Opfer dauerhaft erinnern.

Marie Middendorf zählte im vergangenen Jahr zu den Gewinnern des 18. Jugend-Literaturpreises der OVAG. Traditionell lesen jeweils drei von ihnen im Anschluss an die Präsentation ihres Buches „Gesammelte Werke“ in Schulen im Versorgungsgebiet der OVAG.

Auch bei jenen, die nicht um ihre nackte Existenz bangen müssen, können die vermeintlich kleinen Dramen des Alltags einen tiefen Schatten auf ihr Leben werfen. Davon erzählt Emmelie Specht (18) aus Nidda, die dort das Gymnasium besucht. „Die Sache mit der Wahrheit“ handelt von einer Jugendlichen, die zwischen ihren getrennt lebenden Eltern steht. Wobei sich die Mutter als unzuverlässig erweist, die Erzählerin sich aber wiederum davor scheut, dem Vater davon zu berichten. Emmelie Specht wendet eine geschickte Erzählweise an. Von der Mutter wieder einmal versetzt, fährt die junge Frau zu ihrem Vater, beobachtet unterdessen Passanten und stellt sich vor, was in deren leben wohl holprig verlaufen könnte. Ihr Text endet mit einer tiefen, nüchtern präsentierten Forderung: „Menschen brauchen keinen Zucker, sie brauchen Wahrheit.“

Als dritte auf dem Podium: Svantje Rack (18) aus Biebertal im Landkreis Gießen. Ihre geschickt gebaute Geschichte „Bahnhof“ erzählt von den Erlebnissen einer Zugschaffnerin, kann man Ende auch gedeutet werden als der Übergang vom Leben in den Tod.

Das Buch Gesammelte Werke mit den Texten aller 24 Preisträger kostet 12 Euro und kann bestellt werden unter james@ovag.de (06031 6848-1274). Einsendeschluss für den 19. Jugend-Literaturpreis der OVAG ist der 15. Juli. Näheres unter matle@ovag.de (06031 6848-1222).

Zurück