Die Macht, die in den Wörtern steckt

18. OVAG-Jugend-Literaturpreis: Präsentation des Buches „Gesammelte Werke“

Wäre die so häufig zitierte Nadel zu Boden gefallen – selbst die Besucher in der letzten Reihe hätten das Geräusch vernommen. Denn sie hingen – eine weitere Floskel – an den Lippen der 19-jährigen Sarah Emamzahi aus Lich, die mit kaum vernehmbarem Zittern in der Stimme ihre Geschichte „Wie viele Tode kann ein Mensch sterben?“ vortrug. „Mit sind die Tränen gekommen“, sagte eine der Zuhörerinnen im Anschluss an die Präsentation des Buches „Gesammelte Werke“, in dem die Geschichte der 24 Gewinner des 18. Jugend-Literaturpreises der OVAG abgedruckt sind. Die Präsentation fand statt unter strengen Corona-Hygienebedingungen im Kursaal des Hotels Dolce in Bad Nauheim.

Sarah Emamzahi bewies mit ihrem Vortrag über die Flucht ihrer Familie aus Afghanistan, was gute Literatur vermag: Empathie schaffen, Verständnis wecken, Leser in andere, ihnen bis dahin unbekannte Welten erschließen. Die Laudatorin für die Preisträger aus der Wetterau, dem Vogelsbergkreis und dem Landkreis Gießen, die Schriftstellerin Lena Gorelik, brachte es auf den Punkt: „Ihr habt die Welt, die Ihr kennt, die Ihr erahnt, die Ihr erfürchtet und die Ihr ersehnt, in Geschichten und Figuren, in Details und Szenen übersetzt.“

Es gebe die eine alte Frage, so Lena Gorelik, die jedem Autor immer wieder gestellt werde: „Was vermag Literatur?“ Beim Lesen der preisgekrönten Geschichten habe sie sich gedacht: „Die Antwort steckt in ihnen, Ihr beantwortet sie, und das ist das Schönste, das Reinste daran, ohne es zu wissen.“ Was Worte und Geschichten ihrer Meinung nach vermögen: „Die Spannungsfelder einer Gesellschaft aufdecken, den Schmerzpunkt finden, den, bei dem man aufschreit, wenn jemand ihn berührt. Fragen aufwerfen, berühren, wütend und lachen machen, zum Nachdenken bewegen, Strukturen aufdecken, verwirren, erfreuen, festgelegte Muster aufbrechen, gestalten.“ Zum Schluss ihrer Rede rief Lena Gorelik den Preisträgern zu: „Vergesst nicht das Gefühl, wenn Ihr gleich euer Buch in den Händen haltet. Vergesst nicht die Macht, die in Wörtern steckt, die Ihr aufschreibt, was keine Floskel ist, sondern eine einfache Einsicht. Und vergesst nicht, weiter zu schreiben.“

Joachim Arnold, Vorstandsvorsitzender der OVAG, ging in seiner Rede auf den viertägigen Workshop ein, der dem Buch vorangegangen ist. Dort haben die Preisträger gemeinsam mit Schriftstellern ihre Texte lektoriert. In Erinnerung geblieben sei ihm, wie konzentriert die Jugendlichen gearbeitet hätten. „Besonders beeindruckend war für mich, wie gut das in dieser Altersspanne funktioniert hat – von 12 bis 23 Jahren.“ Dazwischen hätten früher Welten gelegen; offenbar baue die Literatur jedoch eine Brücke, die diesen unsichtbaren Graben überwinde.

Neben Sarah Emamzahi stellten noch zwei weitere Autoren ihre Texte aus dem Buch vor. Emmelie Specht (19) aus Nidda die in „Die Sache mit der Wahrheit“ das Leben eines Mädchens zwischen den getrenntlebenden Eltern schildert und Ali Shaker (19) aus Gießen mit „Wir sind nicht in Hollywood“ – dabei geht es um einen jungen, farbigen Mann in Deutschland dessen Träume zerschellen.


Gruppenfoto Preisträger Jugendliteraturpreis der OVAG
Für das Foto kurz ohne Maske: Die Preisträger bei der Buchpräsentation mit Laudatorin Lena Gorelik und den OVAG-Vorständen Joachim Arnold und Oswin Veith.

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